24.09.2022: 2.Chronik 34, 8-21

Eine Geschichte – so anrührend schön, dass sie einem die Tränen in die Augen treiben kann:

Der verfallene Tempel wird restauriert, genügend Geld ist durch Spenden vorhanden, das Material kann herbeigeschafft und bezahlt werden, die Arbeiter bekommen ihren Lohn, sie arbeiten bei Musik, es geht voran. Und da taucht wie als Bestätigung von Himmel das verloren geglaubte Gesetzbuch des Mose auf, die Thora, wiedergefunden! Es wird dem König gebracht und löst bei ihm ein heiliges Erschrecken aus. Denn es wird ihm bewusst, wie weit er und das Volk sich abgewendet haben von der Lehre. Die Größe und Macht des Gottes der Väter zwingt ihn in die Knie bis zu Tränen und zum Zerreißen der Kleider. Es zeigt, dass er sich ein weiches, offenes Herz bewahrt hat. Das erinnert mich an einen Text von Irenäus von Lyon:

„Mensch, du bist ein Werk Gottes. Erwarte also die Hand deines Künstlers, die alles zur rechten Zeit macht, zur rechten Zeit für dich, der du gemacht wirst. Bring ihm ein weiches, williges Herz entgegen und bewahre die Gestalt, die der Künstler dir gab. Bleibe formbar, damit du nicht verhärtest und schließlich die Spur seiner Finger verlierst. Wenn du den Abdruck seiner Finger in dir bewahrst, steigst du zur Vollkommenheit empor. Die Kunst Gottes gestaltet den Lehm, der du bist. Nachdem er dich aus dem Stoff geformt hat, wird er dich innen und außen mit reinem Gold und Silber schmücken. So schön wird er dich machen, dass am Ende er selbst nach dir verlangt. Das Erschaffen kommt der Güte Gottes zu. Erschaffen werden aber ist das Wesen der menschlichen Natur.“

Sr. Gisela Monika Blume CCR

23.07.2022: Johannes 7, 1-13

Trotz herausfordernd, frecher Aufforderung seiner Brüder geht Jesus nicht mit auf das Laubhüttenfest; seine Zeit ist noch nicht da. Eine Auslegerin betont: „Wahrhaft in seiner Berufung als Christus stehend, nimmt Jesus den Zeitplan Gottes an. Aus Gottes Gnade geschieht alles – zu seiner Zeit.“ (vgl. Dr. Gabriele Bosch).

Und jetzt ist noch nicht der Zeitpunkt öffentlichen Redens auf dem Fest. „Alles hat seine Zeit“ muss ich da denken. „Reden hat seine Zeit und Schweigen hat seine Zeit.“

Weiß ich, wann für mich in meiner Berufung, in meinem Ruf als Mensch es gut ist zu Reden oder zu Schweigen, zu Tun oder zu Lassen?

So bete ich:

Gott,
schenke mir die Gnade den rechten Zeitpunkt zu erkennen.
Falls ich ihn verpasse, schenke mir einen Doppelpunkt,
wie zwei Sterne am Himmel die in mein Herz leuchten und sagen:
Jetzt.

Amen.

Sr. Anja Veronika Waltemate CCR

13.07.2022: Johannes 5, 31-40

Aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.“

Diese Aussage (Diagnose) von Jesus Christus hat mich berührt, ja heilsam getroffen.

Eigentlich ist es doch selbstverständlich, dass ich, dass wir alle zu IHM kommen wollen, um das Leben zu haben – das bekennen wir ja mit jeder Gebetszeit!

Und doch: wie oft bin ich nur damit beschäftigt, dass ich meine Aufgaben ordentlich erfülle, treu und redlich da bin, zuverlässig, bereitwillig usw. und dabei IHN und das Leben aus dem Blick verliere.

Vielleicht ist es bezeichnend, dass Jesus diese Worte ursprünglich zu den frommen pflichtbewussten Juden gesagt hat, die wie wir täglich ihren Gebetsdienst erfüllt haben.

In dem Buch „Das Land ist sehr gut“ – ein neues Buch von und für geistliche Gemeinschaften – steht: „Wir sind versucht, uns abzusichern. Und dann ist auch die lebenslängliche Bindung nicht mehr Ausdruck der Hingabe, sondern Suche nach Beständigkeit und zwischenmenschlicher Vergewisserung.“

Ja, dem Gott der menschlichen Vergewisserung und der Sicherheit wird in der heutigen Zeit allenthalben sehr viel geopfert.

„Aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet“  - - Danke Jesus Christus für Deine nüchternen Worte, die uns helfen zu erkennen, wohin wir unterwegs sind. Und die uns daran erinnern, dass wir schon erlebt haben, wie es ist, zu Dir zu kommen und Leben zu haben!

Darum lasst uns immer wieder mit Simon Petrus sprechen (Joh 6,68): „HERR wohin sollen wir gehen – DU hast Worte des ewigen Lebens, wir haben geglaubt und erkannt, DU bist der Heilige Gottes.“

                        Sr. Elisabeth Ester Graf CCR

06.07.2022: Rut 1, 1-22

Das Buch Rut trägt seinen Namen nach einer der Hauptfiguren dieser novellenartigen Erzählung, die als Meisterwerk hebräischer Erzählkunst gilt. Insofern es den gottgeleiteten Überlebenskampf in einer patriarchalen und vor allem für arme Frauen lebensgefährlichen Welt beschreibt, ist es das Frauenbuch des AT schlechthin. Von seinem Schluss her hat es zugleich eine messianische Perspektive, die auch im Stammbaum Jesu in Mt.1,1-17 aufgenommen ist. Rut wird als eine der Stammmütter Jesu genannt.

Wie Abraham und Sara, wie die ganze Jakob-Sippe, wie heute so viele Menschen in afrikanischen Ländern, verlässt in einer Hungersnot eine Familie ihre Heimat. Die Fremde erweist sich aber als ein Ort des Todes: zunächst stirbt Elimelech, dann sterben die beiden Söhne Machlon und Kiljon, die inzwischen Moabiterinnen geheiratet haben.

Nach Ansicht einiger Theologen war Anlass der Entstehung dieses Buches die im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. propagierte Forderung, Mischehen mit ausländischen Frauen für ungültig zu erklären und diese Frauen zu verstoßen. Indem das Rutbuch am beispielhaften Einsatz gerade der Moabiterin Rut gegen diese pauschale Diskriminierung protestiert, setzt es andere Maßstäbe. Entscheidend ist demnach nicht die Volkszugehörgkeit, sondern das ethisch-moralische Handeln, das Hören auf die Stimme des Herzens bzw. Gottes. ören auf das HerzHören auf die STimme des HerzensHH Rut entscheidet sich aus Liebe zu ihrer Schwiegermutter gegen alle Vernunft. Damit tritt sie aus dem Rechtsverband ihres Volkes und ihres Glaubens. Aber sie fällt nicht ins Leere, sondern tritt in Jahwes Bereich ein. Trotz der schweren Situation, trotz der Schicksalsschläge zeichnet sich Gottes Führung ab.

"Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist…" (EG 395)

                        Sr. Gisela Monika Blume CCR

28.06.2022: Buch der Richter 9, 7-21

Es wäre doch wirklich zu schade, wenn der Ölbaum kein kostbares Öl, der Feigenbaum keine süße Feigen und der Weinstock keinen Wein mehr produzieren würde. Wie gut, dass sie der Versuchung zur Macht nicht nachgegeben haben, könnte man meinen. Doch so einfach ist es nicht.
Wenn die, die gute Gaben haben, die für andere lebensspendend sind, nicht bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, dann kommt der zum Zug, den eigentlich keiner haben will, weil er seine Macht missbraucht.
In der Geschichte ist dies der Dornenbusch. Dieser scheut sich nicht, bereits im Vorhinein anzukündigen, welche Unterdrückung den anderen Bäumen drohen wird, sollte er zum König gewählt werden. Und weh dem, der sich ihm dann nicht unterwirft - im Feuer soll er verbrennen!

Die kurze Geschichte, die wir gehört haben, wird allgemein als Fabel bezeichnet. Das ist eine in der Bibel seltene Form, die uns aber aus der Literatur durchaus bekannt ist.Den Fabeln gemeinsam ist, dass sie typische menschliche Denk­ und Verhaltensmuster aufdecken und uns auf zugängliche Art und Weise den Spiegel vorhalten wollen.

Was könnte die sogenannte Jotam-­Fabel aus dem Richterbuch uns als Gemeinschaft heute noch zu sagen haben?

Ich denke, es ist zunächst einmal sehr entscheidend zu erkennen, dass die Absage von Ölbaum, Feigenbaum und Weinstock nur vordergründig ehrenhaft ist. Denn ihr Beharren auf die je eigenen Charismen lässt sie ängstlich davor zurückscheuen, Verantwortung für das Wohl der Gemeinschaft zu übernehmen. Wie die Bäume in der Fabel, sind auch wir Schwestern sehr unterschiedlich in unseren Begabungen und Qualitäten. Dies gilt es untereinander zu erkennen und anzuerkennen.
Doch eine Gemeinschaft lebt von der Hingabe jeder Einzelnen.

So kann uns heute die Jotam-Fabel eine Einladung dazu sein, immer wieder neu eine gute innere Balance zwischen Selbstentfaltung und Engagement für die Gemeinschaft zu finden und zu erkennen, wo ängstliche Selbstbezogenheit uns daran hindert.

Sr. Anke Sophia Schmidt CCR

27.06.2022: Buch der Richter 9, 1-6

In den eben gehörten Versen nimmt Abimelech die Hauptrolle ein. Er ist ein Sohn Gideons, der ein frommer und gesegneter Richter in Israel war und einer sichemitischen Mutter. Der machtbesessene Abimelech, der sich seinen stolzen Namen mit der Bedeutung ‚mein Vater ist König‘ wohl selbst zulegte, überzeugte seine Angehörigen mütterlicherseits in Sichem davon, dass statt 70 Regierender ein einziger – er selber – der bessere Herrscher sei.
Abimelech handelt in auftragsloser Selbstherrlichkeit, ihm geht es nur um die eigene Macht.
Das steht in völligem Gegensatz zu den von Gott berufenen Richtern, die das Volk immer wieder von seinen Irrwegen zum Herrn bekehrten und aus der Hand der Feinde erretteten. Abimelech weiß seine Ansichten klar zu bestimmen und durchzusetzen. Er will König werden in Israel, dem Volk seines Vaters. Entschlossen und rücksichtslos setzt er alles ein um zum Zuge zu kommen – dabei schreckt er auch nicht vor dem Mord an seinen 70 Halbbrüdern zurück. Dazu hat er sich ein Gefolge von Männern angeworben, `die nichts zu verlieren hatten und zu allem fähig waren‘, wie es in Vers 4 heißt.
Im Unterschied zu einem verantwortungslosen, selbstherrlichen Vorgehen, das uns im Alten Testament und in der Weltgeschichte immer wieder begegnet, gibt im Volk Israel allein der HERR, Gott, die Macht und vor IHM muss sie verantwortet werden. Im heutigen Text wird der wirkliche Herr Israels, Gott, nicht einmal erwähnt – Staatspolitik kommt scheinbar ohne Gott aus. Aber nur im Gehorsam gegen Gott kann die Ausübung der Macht ihre Rechtfertigung, ihre Grenzen und ihren vorläufigen Sinn finden. So wird Abimelech als 1. König in Israel – nicht von Gott eingesetzt – vom Volk zum König gewählt. Das geschah am Steinmal von Sichem, unter der Eiche, genau an dem Ort, an dem einst Josua vor dem Landtag bekräftigte: ich aber und mein Haus wollen dem Herr dienen, IHM die Treue halten.

Eine Frage aus dem Text heraus an mich könnte sein: wo versuche ich meine eigenen Interessen durchzusetzen, indem ich durch vernünftig klingende Überlegungen andere oder auch mich selbst
täusche? Wo muss ich deutlich ‚nein‘ sagen, um Unrecht zu verhindern?
Es könnte helfen viel Leid zu ersparen, wenn wir immer wieder innehalten, ehrlich sind, Rechenschaft über unsere Motive geben und die Motive anderer prüfen.
Wie gut, dass wir Gott nichts vormachen können und brauchen, dass ER uns kennt und wir ihn bitten können mit Worten aus Ps 139:

„Erforsche mich Gott und erkenne mein Herz,
prüfe mich und erkenne, wie ich‘s meine.
Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin und
leite mich auf ewigem Wege.“

Ja, Herr, Du bist Gott – in deine Hand
lass getrost uns fallen. (EG 377, 4)

Sr. Sigrid Debora Klose CCR

08.06.2022: Hohelied, 4,1-5,1

Das sind drei hochpoetische Beschreibungs- oder Bewunderungslieder voller altorientalischer Metaphorik, die versuchen, das Unaussprechliche in Worte zu fassen und das Geheimnisvolle zu umkreisen. Da ist nichts, was die Geliebte erniedrigt, es ist reine Faszination, Ehrfurcht, heiliges Begehren.

Schließlich ist da das Bild des Gartens. Es erinnert an das Paradies, den Garten Eden. Und so strahlt dieser Text etwas aus von der noch ungebrochenen Schöpfung, dem Schöpfungsmorgen, wo Gott unter den Menschen weilte. „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1.Mose1,31)

Eine Auslegerin schreibt: „Liebe ist das Mittel zur Rückkehr ins Paradies.“ *)

Eduard Mörike dichtet:

„Wenn ich von deinem Anschaun tief gestillt,

mich stumm an deinem heiligen Wert vergnüge,

dann hör ich recht die leisen Atemzüge

des Engels, welcher sich in dir verhüllt.“

*) Elisabeth Birnbaum in „Mit der Bibel durch das Jahr 2022“

Sr. Gisela Monika Blume CCR

28.04.2022: 1. Johannesbrief 2, 7-11

Beim Nachdenken über den heutigen Textabschnitt fiel mir das Bild ein, das Franz Jalics gerne verwendet hat, um die dreifache Beziehung von Gottes-, Menschen- und Nächstenliebe zu veranschaulichen. Es ist das Bild von den drei miteinander verbundene Röhren, die mit Flüssigkeit gefüllt sind. Egal, wieviel Flüssigkeit man einfüllt, in allen drei Röhren ist immer gleich viel.

Und so, sagte Franz Jalics, verhält es sich auch mit der Liebe:

Mit dem Maß, in dem ich in der Lage bin, mich selbst zu lieben, in dem Maß vermag ich auch Gott und die Menschen zu lieben. Gibt es etwas in mir, was mich von mir selber trennt, so trennt es mich auch von Gott und von anderen. Meine Liebe zu Gott ist nicht ungetrübt, wenn ich mich selbst oder andere missachte. Empfinde ich negative Gefühle mir selbst gegenüber, so sagt das auch etwas über meine Beziehung zu Gott und meinen Nächsten aus. Der Umgang mit mir selbst und mit anderen ist der Indikator meiner Gottesliebe.

Der heutige Textabschnitt lädt uns ein, ehrlich mit uns selbst zu sein und zu erkennen, wie es mit unserer Liebesfähigkeit bestellt ist. Denn wir haben nur ein Herz, mit dem wir uns selbst, die Menschen und auch Gott lieben.

Sr. Anke Sophia Schmidt CCR

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